02. Juni 2026
Pflegebedarf lässt sich nicht wegdiskutieren
Bundesregierung darf Personalmangel, Kostendruck und Statistik nicht zum Maßstab der Pflege machen

Das Pflegebündnis Mittelbaden kritisiert die aktuelle politische Linie zur Weiterentwicklung der Personalbemessung in der stationären Langzeitpflege scharf. Die Unterrichtung der Bundesregierung zum wissenschaftlich fundierten Personalbemessungsverfahren zeigt aus Sicht des Bündnisses ein gefährliches Muster: Der Pflegebedarf der Menschen wird zwar wissenschaftlich beschrieben, politisch aber nicht konsequent umgesetzt.
Statt den tatsächlichen Bedarf pflegebedürftiger Menschen zum Ausgangspunkt zu machen, rücken Arbeitsmarktengpässe, Kostendruck und kurzfristige Umsetzbarkeit in den Vordergrund. Das Pflegebündnis Mittelbaden warnt: Wenn der Mangel zum Maßstab wird, wird Unterversorgung politisch normalisiert.
„Pflegebedarf verschwindet nicht, weil Personal fehlt. Und er wird auch nicht kleiner, wenn man ihn später anerkennt, statistisch verschiebt oder rechnerisch aus dem System herausnimmt. Wer Pflegebedarf kleinrechnet, löst kein Problem – er verschiebt es auf Pflegebedürftige, Angehörige, Einrichtungen und Mitarbeitende“, erklärt Peter Koch, Vorsitzender des Pflegebündnis Mittelbaden.
Mit PeBeM wurde erstmals wissenschaftlich ermittelt, welche Personalausstattung in vollstationären Pflegeeinrichtungen notwendig ist, um Bewohnerinnen und Bewohner fachgerecht, sicher und würdevoll zu versorgen. Die Weiterentwicklung von Algorithmus 1.0 über 2.0 zu 2.1 bestätigt aus Sicht des Pflegebündnisses eine klare Linie: Der tatsächliche Personalbedarf liegt oberhalb der aktuell gesetzlich abgebildeten Werte.
Besonders kritisch bewertet das Pflegebündnis Mittelbaden die politische Fokussierung auf Algorithmus 2.1 H. Diese Variante rechnet hauswirtschaftliche Tätigkeiten aus dem Pflegepersonalbedarf heraus. Das kann nur dann fachlich vertretbar sein, wenn diese Aufgaben verbindlich durch ausreichend finanziertes und organisatorisch abgesichertes Hauswirtschaftspersonal übernommen werden.
Gerade hier sieht das Pflegebündnis erheblichen Klärungsbedarf. Hauswirtschaft ist in der Langzeitpflege kein beliebiger Nebenprozess. Sie ist eng verbunden mit Ernährung, Trinken, Hygiene, Alltagsstruktur, Wohlbefinden und Würde. Wenn dieser Bereich herausgerechnet, unterfinanziert oder intransparent verhandelt wird, entstehen Versorgungslücken zulasten der Bewohnerinnen und Bewohner und zusätzliche Belastungen für die Pflege.
„Wer Hauswirtschaft aus der Pflege herausrechnet, muss sie auch sichtbar, verbindlich und auskömmlich finanzieren. Alles andere ist keine Effizienz, sondern Verschiebung von Arbeit und Verantwortung in einen Graubereich“, so Koch.
Scharf kritisiert das Pflegebündnis auch die diskutierte Anhebung der Schwellenwerte bei den Pflegegraden 1 bis 3. Gerade diese Pflegegrade sind entscheidend für frühe Unterstützung, Beratung, Prävention, Rehabilitation, Reablement und Entlastung pflegender Angehöriger.
Eine Anhebung der Schwellenwerte würde Pflegebedürftigkeit nicht verhindern. Sie würde lediglich dazu führen, dass Menschen später oder niedriger leistungsrechtlich anerkannt werden. Der Unterstützungsbedarf bleibt bestehen – wird aber für das System weniger sichtbar.
„Wer die Schwellenwerte bei Pflegegrad 1 bis 3 anhebt, verfälscht auch die wissenschaftlichen Aussagen von PeBeM. PeBeM knüpft an Pflegegrade an. Wenn man diese Grundlage politisch verändert, sinkt nicht der reale Pflegebedarf, sondern nur seine statistische Abbildung. Das ist keine Reform, das ist ein Trick zulasten pflegebedürftiger Menschen“, betont Koch.
Für die Pflegebranche hätte eine solche Politik konkrete Folgen. Ambulante Dienste, stationäre Einrichtungen, Krankenhäuser, Angehörige und Kommunen arbeiten bereits heute an der Belastungsgrenze. Wer frühe Unterstützung erschwert und Personalbedarfe nicht konsequent umsetzt, verschärft die Versorgungslage weiter.
Das Pflegebündnis Mittelbaden fordert deshalb:
- PeBeM konsequent weiterentwickeln und wissenschaftlich ermittelte Personalbedarfe nicht politisch kleinrechnen.
- Algorithmus 2.1 H nur anwenden, wenn Hauswirtschaft transparent bemessen, verbindlich finanziert und organisatorisch abgesichert wird.
- Pflegegrade 1 bis 3 schützen und keine Anhebung der Schwellenwerte zur verdeckten Leistungskürzung vornehmen.
- Professionelle Pflege stärken durch klare Aufgabenprofile, gute Arbeitsbedingungen und eine verbindliche Rolle von Pflegefachpersonen, Assistenz und Hilfskräften.
„Die politische Frage darf nicht lauten: Wie können wir Pflegebedarf rechnerisch reduzieren? Die Frage muss lauten: Welche Pflege braucht eine alternde Gesellschaft, damit Menschen sicher, würdevoll und selbstbestimmt versorgt werden können? Wer diese Frage nicht ehrlich beantwortet, gefährdet die Versorgungssicherheit“, erklärt Koch.
Pflege ist keine nachrangige Kostenposition. Pflege ist kritische Infrastruktur. Sie sichert Würde, Teilhabe, Prävention, Rehabilitation, soziale Stabilität und Versorgungssicherheit. Wer hier kurzfristig spart, erzeugt langfristig höhere Kosten – in Krankenhäusern, Notaufnahmen, Sozialhilfe, Kommunen, Familien und bei den Beschäftigten.
Pflegebedarf muss Maßstab politischen Handelns sein – nicht dessen Verhandlungsrest.



