9. Juni 2026
Klinikreform: Pflegebündnis warnt vor Kahlschlag in Mittelbaden

Mittelbaden darf nicht zum Verlierer einer „kalten“ Strukturreform werden. Das Pflegebündnis fordert: Bei der anstehenden Entscheidung über die Zukunft des Klinikums Mittelbaden müssen die pflegerische Versorgung, die Ausbildung und das Wohl der Bevölkerung zwingend im Mittelpunkt stehen.
Der Landkreis Rastatt, die Stadt Baden-Baden und das Klinikum Mittelbaden bekennen sich zum Neubau des Zentralklinikums am Münchfeldsee. Doch die Planungen geraten durch verschärfte bundespolitische Vorgaben massiv unter Druck. Obwohl das Klinikum seine Standorte bereits von sechs auf künftig zwei reduziert hat, droht nun ein drastischer Bettenabbau.
Das Pflegebündnis Mittelbaden warnt eindringlich, die Debatte nicht auf Bettenzahlen und Finanzen zu verengen. Peter Koch, Vorsitzender des Pflegebündnis Mittelbaden, betont: „Wer nur Bettenzahlen und Defizite betrachtet, übersieht, dass an jedem Krankenhausbett ein ganzes Versorgungssystem hängt. Wenn bundespolitischer Druck zu planlosen Kürzungen führt, droht eine kalte Strukturreform auf Kosten der Bevölkerung.“
Verlagerung statt Einsparung
Derzeit stehen Varianten zur Diskussion, die die Bettenzahl von rund 890 Betten auf 660, 500 oder 450 Betten reduzieren – ein Rückgang um 26, 44 oder fast 50 Prozent. Doch weniger Betten bedeuten nicht weniger kranke, alte oder pflegebedürftige Menschen. Der Versorgungsbedarf bleibt und verlagert sich in ohnehin überlastete Bereiche: Pflegeheime, ambulante Dienste, Kurzzeitpflege, Familien, Kommunen und Notaufnahmen.
Schon heute wird ein Großteil der Pflege in Mittelbaden außerhalb von Kliniken geleistet. Rund 60 Prozent der Pflegebedürftigen erhalten Pflegegeld und werden vor allem von Angehörigen versorgt. Bis 2040 steigt der Pflegebedarf in der Region voraussichtlich um 18 Prozent. Das Versorgungssystem braucht daher nicht weniger, sondern deutlich mehr Kapazitäten – ambulant, stationär und sektorenübergreifend. Angehörige können die Lücken professioneller Versorgung nicht unbegrenzt auffangen.
Gefahr für Pflegeausbildung: Millionen-Schaden droht
Besonders kritisch bewertet das Pflegebündnis die folgen für die Ausbildung. Aktuell gibt es an Klinikum Mittelbaden 31 Ausbildungsplätze in der Akutpflege, davon 15 für externe Träger wie Pflegeheime und ambulante Dienste. Je nach Planvariante könnten jährlich sechs bis 12 Ausbildungsplätze wegfallen. Hochrechnungen zeigen: Über zehn Jahre hinweg würden der Region dadurch bis zu 630 Pflegefachkraft-Jahre fehlen. Allein die Personalkosten dieser Lücke belaufen sich auf bis zu 49 Millionen Euro. Rechnet man Folgekosten wie Angehörigenbelastung, Wiedereinweisungen, längere Krankenhausaufenthalte, Rekrutierung, Krankenstände und Entlassprobleme hinzu, droht der Region in zehn Jahren ein volkswirtschaftlicher Schaden von bis zu 84 Millionen Euro.
Die zentrale Frage lautet daher nicht: Wie viele Krankenhausbetten können wir noch abbauen? Sondern: Welche Versorgungskapazität braucht Mittelbaden, um die Bevölkerung sicher zu versorgen?
Das Pflegebündnis Mittelbaden fordert daher:
- Keine Strukturentscheidungen ohne Folgenabschätzung für Pflege und Ausbildung.
- Sicherung der akutstationären Praxiseinsatzplätze für die generalistische Pflegeausbildung sowie Schutz externer Ausbildungsträger.
- Verbindliche Konzepte für Kurzzeitpflege, Übergangspflege und ambulante Entlassversorgung.
- Einführung eines jährlichen Monitorings zu Ausbildungsplätzen, Pflegeheimkapazitäten, abgelehnten ambulanten Versorgungen, Entlassverzögerungen und Wiedereinweisungen.
- Einbindung der Pflegeprofession in alle weiteren Planungen.
Krankenhausplanung ist heute immer auch Pflege-, Ausbildungs- und kommunale Versorgungsplanung. Mittelbaden hat seine Strukturen bereits mutig gestrafft. Die Region darf nun nicht Opfer einer bundespolitisch ausgelösten kalten Krankenhausstrukturreform werden.
- Keine Klinikreform ohne Blick auf Pflege!
- Keine Einsparung auf Kosten der Versorgungssicherheit!
- Keine Strukturentscheidung zulasten der Bevölkerung in Mittelbaden!



